Revopoint MIRACO Plus im Test: Der beste portable 3D-Scanner, den du gerade kaufen kannst?
3D-Scanning war lange Zeit eine Domäne von teuren Industriegeräten, die an einen Workstation-PC gefesselt waren und Bedienung mit Lehrgang voraussetzten. Der Revopoint MIRACO Plus versucht, dieses Bild radikal zu verändern – und ich sage dir schon jetzt: Er tut es. Ob er das auch für dich tut, hängt davon ab, was du von einem 3D-Scanner erwartest. Genau das kläre ich in diesem ausführlichen Hands-on-Review.
Ich habe den MIRACO Plus in den letzten Wochen intensiv benutzt. Die mitgelieferte Testbüste war natürlich der erste Scan – aber dann ging es erst richtig los: Sammlerfiguren, Haushaltsobjekte, eine Vintage-Tischlampe und schließlich e-gitarre. Was dabei alles passiert ist – die Highlights, die Frustmomente und die echten Überraschungen – liest du hier.
Was ist der Revopoint MIRACO Plus überhaupt?
Der MIRACO Plus ist die aktuell leistungsfähigste Variante aus Revopoints preisgekrönter MIRACO-Reihe. Das Gerät gewann den Red Dot Award in der Kategorie „Best of the Best“ – und das nicht ohne Grund. Im Kern ist der MIRACO Plus ein vollständig autonomer 3D-Scanner: kein Laptop nötig, keine Kabel, keine externe Recheneinheit. Alles steckt im Gerät selbst.

Auf der Vorderseite arbeiten vier Tiefenkameras auf Basis strukturierter Infrarotbeleuchtung – zwei für den Nahbereich, zwei für den Fernbereich. Dazu kommt eine 48-Megapixel-RGB-Kamera für farbgenaues Textur-Scanning. Auf der Rückseite prangt ein 6-Zoll-2K-AMOLED-Touchscreen, der um 180 Grad klappbar ist – praktisch, wenn du schwer zugängliche Objekte aus ungewohnten Winkeln scannen willst, oder wenn du mal schnell eine Selbstscan-Pose brauchst. Das Gerät läuft auf einem Android-basierten Betriebssystem mit einem 2,8-GHz-Achtkernprozessor und satte 32 GB RAM. Für einen 3D-Scanner klingen diese Specs schon fast absurd – aber wie wir noch sehen werden, braucht er diese Power.
Mit 750 Gramm liegt der MIRACO Plus angenehm in der Hand. Er fühlt sich an wie eine Kreuzung aus einer hochwertigen DSLR-Kamera und einem Tablet – kompakt, trotzdem solide, mit einem ergonomisch geformten Griff.
Lieferumfang: Was bekommst du für dein Geld?
Mit rund 2500 Euro ist der MIRACO Plus kein Impulskauf. Aber was im Paket steckt, ist durchaus beeindruckend.
Das große Highlight ist das Photogrammetric Metrology Kit (PMK) – ein Zubehörset, das den MIRACO Plus von anderen Consumer-Scannern klar abhebt. Es enthält vier hochpräzise Carbonfiber-Maßstäbe, zwei Sets kodierter Zielpunkte (einmal magnetisch, einmal klebend, je 208 Stück), ein Mini-Stativ und ein Mini-Drehteller mit Topper-Aufsatz. Dazu kommen ein Kalibrierboard für den Nahbereich, ein sehr großes für den Fernbereich, die klassische Testbüste im Greco-Römischen Stil, ein USB-C-auf-HDMI-Adapter sowie ein 65-Watt-Netzteil und natürlich das obligatorische USB-C-Datenkabel. Die Tragetasche mit Magnetverschlüssen und Handgelenkschlaufe rundet das Paket sauber ab.


Kurzum: Das ist kein halbes Paket. Du bekommst alles, was du brauchst, um sofort loszulegen – von kleinen Objekten auf dem Drehteller bis hin zu meterlangen Werkstücken mit dem PMK.
Technische Specs im Überblick
Bevor wir zum praktischen Teil kommen, nochmal alle wichtigen Kennzahlen auf einen Blick:
Der MIRACO Plus schafft eine Single-Frame-Präzision von bis zu 0,02 mm – das ist beeindruckend fein. Die Genauigkeit liegt bei 0,04 mm, was laut Revopoint rund 20 Prozent besser ist als beim MIRACO Pro. Die Scan-Geschwindigkeit beträgt bis zu 20 fps – ebenfalls ein Drittel schneller als der Vorgänger. Im Near-Mode scannt du Objekte ab einer Mindestgröße von etwa 10 × 10 × 10 mm, während der Far-Mode einen gigantischen Einzelframe-Bereich von 975 × 775 mm bei bis zu einem Meter Abstand abdeckt. Die Tracking-Technologie kombiniert Feature-Tracking, Marker-Tracking und den neuen Global-Marker-Modus. Textur-Scanning erfolgt mit bis zu 8K-Auflösung. Der interne 5.000-mAh-Akku lädt per 50-Watt-Schnellladung und hält je nach Scan-Intensität rund zwei Stunden durch. Die Datenspeicherung erfolgt intern auf 256 GB, die Verbindung zum PC läuft über USB-C oder Wi-Fi 6. Exportiert wird in STL, OBJ und PLY.
Einrichtung und erste Schritte
Das Setup hat mich positiv überrascht. Der Scanner führt dich beim ersten Start durch ein kurzes Onboarding, das auch unerfahrene Nutzer nicht überfordert. Die Kalibrierung mit dem mitgelieferten Board ist in wenigen Minuten erledigt und gibt dem Gerät die nötige Referenz für präzise Scans.
Die Android-basierte Oberfläche ist klar strukturiert. Oben wählt man den Scan-Modus, unten die Tracking-Methode, in der Mitte sieht man das Live-Bild der Kameras. Wer schon mal mit einer DJI-Drohnensteuerung oder einer modernen Action-Kamera gearbeitet hat, fühlt sich sofort wohl. Die Lernkurve ist vorhanden, aber durch die eingebauten Tutorials gut abgefedert.
Ich habe RevoScan 6 auf dem PC parallel laufen gehabt und kann sagen: Der Workflow „auf dem Gerät scannen, per Wi-Fi auf den PC übertragen, dort weiterverarbeiten“ ist der, den ich immer wieder gewählt habe. Direkt auf dem Gerät zu meshen ist praktisch für schnelle Ergebnisse unterwegs, aber für saubere Endresultate lieber den PC nutzen.
Die Scan-Modi: Near, Far und das PMK
Near Mode
Im Near-Mode bewegt man den Scanner sehr nah ans Objekt – optimaler Abstand liegt zwischen 100 und 250 mm. Hier entfaltet der MIRACO Plus seine volle Detailstärke. Feine Strukturen, Texturen, Oberflächenunebenheiten – alles wird mit einer Präzision erfasst, die ich so nicht erwartet hatte. Meine erste ernsthafte Probe war eine etwa 15 cm hohe Fantasiefigur aus Resin, reich detailliert, mit feinen Schuppen und kleinen Textur-Elementen. Das Ergebnis nach dem Meshing war schlicht beeindruckend: Die Schuppen waren klar erkennbar, die Augen scharf, selbst die kleinen Kratzer auf der Basis waren im Scan sichtbar.
Far Mode
Der Far-Mode öffnet eine völlig andere Welt. Hier rückt man vom Objekt ab und kann Flächen von fast einem Quadratmeter pro Frame erfassen. Das ist der Modus, den ich für die Gitarre verwendet habe – und dazu kommen wir gleich.
PMK: Photogrammetric Metrology Kit
Das PMK ist das Alleinstellungsmerkmal des MIRACO Plus gegenüber dem Basis-MIRACO.
Im Photogrammetry Mode positionierst du die Carbon-Maßstäbe und die kodierten Marker rund um ein großes Objekt, fotografierst es dann aus verschiedenen Winkeln und Höhen – mindestens 30 Aufnahmen empfiehlt Revopoint – und erstellst so eine präzise Marker-Map. Darauf wird dann der eigentliche Punktwolken-Scan aufgebaut. Das Ergebnis ist ein metrisch präzises 3D-Modell, das auch für technische Anwendungen taugt.
Praxistest: Was ich alles gescannt habe
Die Testbüste


Los geht’s klassisch: Die Greco-Römische Büste aus dem Lieferumfang ist kein Zufall. Ihre Geometrie aus konvexen und konkaven Flächen, die feinen Details an Haar und Augen, und die gleichmäßige Oberfläche machen sie zum idealen Übungsobjekt. Ich habe sie auf dem Drehteller platziert, Feature-Tracking eingestellt, und bin in etwa zwölf Minuten zu einem vollständigen, sauberen Mesh gekommen. Die Details am Haar und den Augenlidern waren messerscharf. Ein gutes Einstiegsgebnis, das mir gezeigt hat: Das Gerät kann.

Sammlerfiguren und Resin-Objekte
Nach der Büste folgten diverse Figuren aus meiner Sammlung. Eine Figur mit spiegelnden Augen und glänzendem Finish war mein erster echter Test – und erster Lernmoment. Glänzende, reflektierende Oberflächen und der strukturierte Infrarotlicht-Scanner verstehen sich nicht gut. Die Augen hat das Gerät einfach weggelassen, der Körper war dagegen tadellos. Mit Scanning-Spray (mattes Finish) wäre das lösbar, aber das solltest du wissen, bevor du anfängst.

Eine matte Fantasy-Figur aus Resin, kleiner und detailreicher, hat das Gerät dagegen regelrecht verschluckt – im guten Sinne. Jede Faser, jeder Kratzer, jedes kleine Relief war im Ergebnis reproduziert. Solche Momente machen Spaß.
Haushaltsobjekte: Tischlampe, Schreibtischstuhl, Tasse
Dann wurde es praktischer. Eine alte Designertischlampe mit organischen Formen und mattem Metall-Schirm war ein schöner Test für den Far Mode. Ich habe sie auf den Boden gestellt, den Scanner in der Hand gehalten und bin um sie herumgegangen – Feature-Tracking ohne Marker. Das Tracking hat die meiste Zeit hervorragend gehalten, dank des eingebauten 9-Achsen-IMU-Sensors, der die Gerätebewegung auch dann noch verfolgt, wenn das optische Tracking kurzzeitig unsicher wird. Nach etwa acht Minuten und einer manuellen Nachbearbeitung hatte ich ein vollständiges Mesh.
Eine Kaffeetasse im Near-Mode: perfektes Ergebnis in unter fünf Minuten, inklusive der Gravur am Boden. Kein Hexenwerk, aber schön zu sehen, wie verlässlich das Gerät arbeitet.
Die Gitarre: der eigentliche Stresstest
Die Gitarre war mein anspruchsvollstes Objekt – und das Scan-Erlebnis, das mir am meisten gezeigt hat, was der MIRACO Plus wirklich kann.
Eine Gitarre ist aus mehreren Gründen schwierig: Sie ist lang (etwa 100 cm), hat sowohl sehr flache als auch stark gewölbte Flächen, glänzende Mechaniken am Kopf, dunkles Holz am Griffbrett und einen matten Resonanzkörper. Ich habe zunächst versucht, sie liegend mit Feature-Tracking zu scannen – das hat nicht funktioniert. Der Bauch und der Boden der Gitarre haben zu wenig einzigartige Features.
Dann habe ich Marker-Sticker auf das Instrument geklebt (ja, das war ein psychologisches Hindernis, aber sie lassen sich rückstandslos entfernen) und mit Marker-Tracking neu gestartet. Das Ergebnis war eine Transformation. Das Tracking blieb stabil, die Wölbung des Resonanzkörpers wurde sauber erfasst, die Konturen der Zargen stimmten. Das Griffbrett war erwartungsgemäß schwierig – dunkles Holz und glänzende Bünde sorgen für Lücken im Scan –, aber mit etwas Nachbearbeitung in RevoScan 6 war das Ergebnis sehr gut.
Die Mechaniken am Kopf: teilweise Totalausfall durch die spiegelnden Flächen, aber der Rest des Kopfes war klar erkennbar. Insgesamt hat der Gitarren-Scan etwa 25 Minuten gedauert – inklusive Vor- und Nachbereitung – und hat mir ein Modell geliefert, das ich als saubere geometrische Referenz gut gebrauchen kann.

Wo der MIRACO Plus an seine Grenzen stößt
Kein Gerät ist perfekt, und der MIRACO Plus hat klare Schwächen, die ich dir nicht verschweigen will.
Direkte Sonneneinstrahlung ist ein echtes Problem. Infrarot-Strukturlicht-Scanner brauchen ihre eigene IR-Projektion als Referenz – direktes Sonnenlicht überstrahlt diese Projektion. Draußen im Schatten oder bei bedecktem Himmel funktioniert der MIRACO Plus gut, aber vergiss Outdoor-Scans im Sonnenschein. Das gilt übrigens nicht nur für dieses Gerät – es ist eine technologie-immanente Einschränkung.
Schwarze und hochglänzende Oberflächen schlucken das IR-Licht und spiegeln es unkontrolliert zurück. Sehr dunkle Objekte (mattes Schwarz kann funktionieren, tiefes Schwarz nicht) und stark spiegelnde Flächen wie Chrom oder Hochglanzlack erfordern Scanning-Spray. Das ist kein Makel des MIRACO Plus spezifisch, aber du solltest es wissen.
Die Bearbeitungszeit auf dem Gerät selbst kann bei komplexen Scans mit vielen Frames lang werden. Das Gerät ist zwar mit 32 GB RAM gut ausgestattet, aber ein vollständiges Mesh aus 8.000+ Frames auf dem Gerät zu berechnen dauert spürbar. Für den Alltag empfehle ich: auf dem Gerät scannen, auf dem PC meshen.
Software: RevoScan 6 und die On-Device-Bearbeitung
Die On-Device-Software ist sauber und intuitiv. Der One-Tap-Edit-Modus erledigt Fusion, Meshing und Textur-Mapping automatisch – ideal für schnelle Vorschauen. Das manuelle Bearbeitungsmenü erlaubt es, Lasso-Selektion mit dem Finger, das Isolieren von Problembereichen und das Entfernen unerwünschter Scan-Fragmente direkt auf dem Gerät vorzunehmen. Das funktioniert erstaunlich gut für ein Touchscreen-Interface.
RevoScan 6 am PC ist die leistungsfähigere Lösung. Hier hat man volle Kontrolle über Fusion-Parameter, Mesh-Dichte, Rauschunterdrückung und Textur-Qualität. Der Import per Wi-Fi ist bequem, der USB-C-Transfer deutlich schneller – wichtig bei großen Scan-Projekten. Exportiert wird in STL, OBJ und PLY, was mit allen gängigen Programmen kompatibel ist. Wer CAD-ready STEP-Dateien braucht, muss einen Umweg über Drittanbieter-Software nehmen – das ist kein Kritikpunkt, sondern einfach der aktuelle Stand der Technik.
OTA-Updates werden regelmäßig eingespielt. Dieses Engagement für Software-Pflege macht mich zuversichtlich, dass das Gerät auch in zwei Jahren noch relevant sein wird.
Fazit: Für wen lohnt sich der MIRACO Plus?
Der Revopoint MIRACO Plus ist das bisher überzeugendste Argument dafür, dass portable 3D-Scanner den Sprung in den professionellen Alltag geschafft haben. Die Kombination aus eigenständigem Betrieb, Dual-Mode-Scanning, 20-fps-Erfassung, 0,04-mm-Genauigkeit und dem Photogrammetry-Kit macht ihn zu einem Werkzeug, das wirklich funktioniert – nicht nur in kontrollierten Lab-Umgebungen, sondern auch im echten Einsatz.
Wenn du Designer, Ingenieur, Restaurator, Prop-Builder, Game-Artist oder einfach ein leidenschaftlicher Maker bist, der große und kleine Objekte gleichermaßen scannen will: Ja, der MIRACO Plus ist sein Geld wert.
